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Tag 302: Mit dem Sonderzug zum HSV

Horst Lehrke traute seinen Augen kaum. Er wollte doch nur den Keller aufräumen, es sollte alles ordentlich sein. Und plötzlich hielt Lehrke ein altes Blechschild in den Händen: „Fußballsonderzug Hildesheim – Hamburg und zurück“. Es war jenes Schild, das Lehrke einst selbst anlässlich des DFB-Pokalspiels Hamburger SV gegen den VfV Hildesheim in Auftrag gegeben hatte. Er war damals Kundenberater bei der Deutschen Bahn und handelte aufgrund seiner guten Beziehungen einen Sondertarif für den Sonderzug aus. Beim Blick aufs Datum erlebte Lehrke die nächste Überraschung: “15. Oktober 1977“.

VfV-HSV

Die Auswärtsfahrt zum HSV – daran erinnert man sich auch heute noch gerne.

4000 Hildesheimer machten sich damals mit dem Sonderzug auf den Weg ins Hamburger Volksparkstadion. Fünfte Liga gegen 1. Bundesliga – klarer konnten die Rollen nicht verteilt sein. Lothar Wehmeyer, damaliger Trainer der jungen Hildesheimer Truppe, hat die alten Zeitungsschnitte und Fotos fein säuberlich in einem dicken Ordner abgeheftet. „Wer die Hildesheimer Mentalität kennt, weiß, wie verteufelt schwer es ist, jemanden mit Innerstewasser Getauften von der Couch zu kriegen – und ihn gar zu ganztägigen Massenausflügen zu bewegen. Der Hildesheimer liebt nichts so sehr wie seinen eigenen kleinen Kram – das ist die Stärke und die Schwäche dieses Menschenschlages“, schrieb damals ein Journalist.

Aber am 15. Oktober 1977 ist alles anders, und das schon früh am Morgen, als die ersten Schlachtgesänge durch den Hildesheimer Bahnhof hallen. Sie kommen mit Fahnen und Trompeten, auf dem Bahnsteig spielt der VfV-Spielmannszug auf. Es singen Concorden und Borussen, Väter und Söhne, liebliche Schlachtenbummlerinnen und Ratspolitiker: „Immer wieder, immer wieder Vau eff Vau!“

Wolfgang Overath hatte den die Paarung VfV-HSV gelost. VfV-Trainer Lothar Wehmeyer ist hocherfreut. Seine erste Reaktion: „Es ist vielen bekannt, dass ich HSV-Anhänger bin. Deshalb ist die Paarung für mich ein Traumlos. Bedauerlich ist nur, dass das Spiel nicht in Hildesheim stattfindet.“ Der HSV hätte einem Tausch des Heimrechts sogar zugestimmt, aber der DFB lehnte ab.

Neben zwei Sonderzügen kamen am Spieltag auch 24 Busse vollgepackt mit Hildesheimer Fans in der Hansestadt an. Im riesigen Volksparkstadion verlieren sich 8000 Zuschauer, die Hälfte kommt aus Hildesheim. Die haben auch gleich Grund zum Jubeln, denn die VfVer bringen den haushohen Favoriten in Bedrängnis. In der 8. Minute schießt Sickfeld knapp am Tor vorbei, wenig später streicht ein Kopfball von Günther nur Zentimeter über die Querlatte.

Auch die Hildesheimer Allgemeine Zeitung berichte damals über die Auswärtsfahrt.

Doch als das 1:0 für den HSV gefallen ist, müssen die Gäste einsehen, dass nichts zu holen ist. Keller, Memering und Kevin Keegan schießen bis zur Pause einen 3:0-Vorsprung heraus. Im zweiten Durchgang schrauben abermals Keegan, Keller und Kaltz per Foulelfmeter das Ergebnis auf 6:0. Die besten Kritiken beim VfV bekommt Torwart Frank Reichel, der gegen die Profis zahlreiche Glanzparaden zeigt. Nach dem Schlusspfiff stürmen die VfV-Spieler in die HSV-Kabine – um sich Autogramme zu holen.

VfV-Trainer Wehmeyer ist trotz des 0:6 zufrieden: „Hauptsache, wir haben nicht zweistellig verloren. Aber ein Ehrentor hätte ich mir gewünscht.“ HSV-Coach Rudi Gutendorf lobt die „couragierte Spielweise“ des Gegners. Immerhin nehmen die Hildesheimer mehr als 10 000 Mark Taschengeld als Einnahmeanteil aus Hamburg mit. Und da waren die 100 Mark Taschengeld, die jeder Spieler für einen Reeperbahn-Bummel kassierte, schon abgezogen.

So spielten die Mannschaften am 15. Oktober 1977:
VfV Hildesheim: Reichel – Wieser, Vogt (67. Donath), Rennemann, Kaatz – Aubin, Schneider, Hesse, Sickfeld – Günther, Zellmer (67. Giese)

Hamburger SV: Kargus – Ripp, Nogly, Kaltz, Hidien – Memering, Keegan, Magath – Keller, Reimann, Steffenhagen; zweite Hälfte: Bertl und Karow

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