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Tag 191: Als in Hildesheim alle Sicherungen durchbrannten

Ein neues Telefonzeitalter begann 1908 ausgerechnet in Hildesheim – als hier europaweit das erste Selbstwähl-Telefon startete!

Blick in die Vermittlungsstelle am Domhof mit den typischen Klappenschränken, Anfang des 20. Jahrhunderts. Foto: Stadtmuseum

Blick in die Vermittlungsstelle am Domhof mit den typischen Klappenschränken, Anfang des 20. Jahrhunderts. Foto: Stadtmuseum

Hörer abnehmen, Nummer wählen – und das Telefonieren kann beginnen. Moment, so einfach ging das nicht immer. Es gab Zeiten, da lief alles über das berühmte Fräulein vom Amt. Diese Ära endete in Hildesheim genau vor 107 Jahren: Am 10. Juli 1908 begann hier das Selbstanschlussverfahren – Hildesheim war die erste Stadt in Europa mit diesem Verfahren.

Warum ausgerechnet in Hildesheim? Hatte sich die Stadt doch bislang eher der Vergangenheit wie des 1000-jährigen Rosenstocks gerühmt, so sollte sie sich einen Namen für fortschrittliche elektronische Nachrichtenübermittelung machen – jedenfalls zeitweilig. Gemeint ist das einst modernste Telegrafenamt des Kontinents. Es stand nur knapp 100 Meter entfernt von der Rosen-Sehenswürdigkeit: das Postgebäude am Domhof. Up to date, diese Hildesheimer. So mag man heute schnell denken. Doch der Grund, warum die Wahl des Reichspostamtes ausgerechnet auf Hildesheim fiel, war in Wahrheit gar nicht so progressiv. In Betracht kam nämlich nur eine Stadt, in der die Fernsprechleitungen so marode waren, dass sie dringend erneuert werden mussten. Auch sollte sich der betreffende Ort auf einen größeren, mit langen Anschlussleitungen verbundenen ländlichen Bereich erstrecken. Ja, und da bot wohl Hildesheim die idealen Voraussetzungen. In der Praxis war dann aber längst nicht mehr alles so ideal. Nicht nur, dass der Start des selbstwählbaren Telefons wegen technischer Störungen und organisatorischer Schwierigkeiten immer wieder hinaus gezögert werden musste. Beispielsweise: Wie sollten die Telefongespräche jetzt gezählt und abgerechnet werden? Auch stieß die automatische Vermittlung nicht bei allen Hildesheimern auf freudige Telefonie-Gegenliebe – die Angst vor Veränderungen sitzt eben tief.

Dazu kam, dass die Reichs-Telegrafenverwaltung ausdrücklich davor warnte, die neuen Fernsprechapparate bei Gewitter zu benutzen: die Energie-Entladungen der Luftelektrizität könnten ernsthafte Gesundheitsschäden bewirken. So richtig krachte es in Hildesheim aber nicht auf Grund von Blitz und Donner. Nein, zur Katastrophe wäre es an jenem denkwürdigen 10. Juli heute vor 107 Jahren beinahe deswegen gekommen, weil am Starttag alle die neue Technik mit der Wählscheibe gleich ausprobieren wollten. Immerhin besaßen 1908 schon 1028 Hildesheimer einen Telefonanschluss. Und so ging die Premiere gründlich schief: Die Fehlanrufe häuften sich, dauernd brannten die Sicherungen durch. Ja, empörte Teilnehmer stürmten sogar das Amt am Domhof. Sie wollten nicht nur ihre Gebühren zurück, sondern forderten energisch die Handvermittlung zurück. Die Techniker mussten sich schließlich in ihren Diensträumen einschließen, um Handgreiflichkeiten zu entgehen. Hätte der damalige Aufbauleiter nicht kurzerhand das für die alte Verbindung wichtige Führungskabel kappen lassen, um eine Rückschaltung zu verhindern, dann wäre die Handvermittlung vielleicht nicht zuerst in Hildesheim von der Wählscheibe abgelöst worden. So aber gab es kein Zurück – eine neues Telefonzeitalter hatte begonnen.


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