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Tag 3: Kläperhagen, Hückedahl und Pulverweg

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(tr) Wie wäre es mit einem kleinen Spaziergang durch Hildesheim? Im Geiste sozusagen. Wir starten im Kläperhagen, dann scharf links die Kreuzstraße runter bis zum Hückedahl. Hückedahl? Einmal ehrlich: Wer weiß schon, woher der Hückedahl seinen Namen hat? Oder die Zingel, die Steingrube, der Pulverweg…
864 Straßen, Wege, Gassen und Plätze gibt es in Hildesheim. Zusammengerechnet ergeben sie eine Strecke von 351 Kilometern. Die Stadt kann mit ganz besonders ungewöhnlichen, teils kuriosen Straßennamen aufwarten. Die HAZ hat sich für ihre Leser schlau gemacht.
Zurück zu unserer Ausgangsposition für den kleinen Stadtbummel: der  Kläperhagen . Mit Pferden hat der Name nichts zu tun, so viel steht fest. Wahrscheinlicher ist, dass er an den Klapphirten erinnert. Dessen Aufgabe hat Eindruck hinterlassen – zumindest bei den Anwohnern, deren Schlaf morgens regelmäßig durch ein „Klipp-Klapp“ gestört wurde.

Dehi_alt3r Klapphirte zog zu früher Stunde mit seiner Klappe durch die Straßen, um die Kühe der Bürger zusammenzutreiben und sie auf die Weide zu bringen. Ungeklärt muss leider bleiben, ob bei dieser Berufsgruppe auch die Redewendung „Der hat ja eine große Klappe“ ihren Ursprung hat. In der  Bleicherstraße  gingen, wie könnte es anders sein, auf dem Gras am Ufer der Innerste die Bleicher ihrem Geschäft nach. Geschäfte ganz anderer Art wurden dagegen auf dem  Hückedahl  erledigt: aus dem Altdeutschen übersetzt bedeutet der Name so viel wie „Hocke nieder“. Und das taten dort die Domherren in ihren ganz privaten Aborten. Aus diesem Grund wurde die Straße noch im 19. Jahrhundert nachts mit Toren verschlossen.
Ganz öffentlich ging es dagegen im Mittelalter in der  Steingrube  zu. Allerdings sehr zum Bedauern der Betroffenen: In der Steingrube ließen die Scharfrichter ihr Beil auf die Halswirbel des Verurteilten sausen. Enthauptungen als makabrer Wochenendspaß für die Bürger Hildesheims.
Auch die Hildesheimer Hexen scheuten die Steingrube, wie der Teufel das Weihwasser. Denn wenn die jungen rothaarigen Damen auf dem Platz weilten, dann höchstens an ein brennendes Bündel Reisig gefesselt…

hi_alt2Zum Glück für die moderne Wissenschaft haben sich im 16. Jahrhundert die Mitglieder der Hildesheimer Familie Varenheide nie als Schwerverbrecher oder Hexen hervorgetan. Hätten sie ihr Ende in der Steingrube gefunden, müssten die Amerikaner wohl auf ihre Thermometerskala verzichten. Die Varenheides sind nämlich die Vorfahren des Physikers Gabriel Daniel Fahrenheit, und daran erinnert noch heute die  Fahrenheitstraße .
Der Konstanzer Mönch Berthold Schwarz ist zwar weitaus weniger bekannt als Fahrenheit, dennoch spielt eine Hildesheimer Straße auf die wichtigste Entdeckung des Mönches an: der  Pulverweg . Im 14. Jahrhundert hatte Berthold Schwarz mit Schwefel, Salpeter und Holzkohle experimentiert – und die verherrende Wirkung des Gemisches, besser bekannt als Schießpulver, entdeckt.
Das wiederum brauchten die Hildesheimer für die Arbeit in ihren Steinbrüchen. Weit außerhalb der Stadt lagerten sie den gefährlichen Stoff. Blechbedeckte Wagen mit einer roten Fahne als Warnsignal brachten den Sprengstoff in das Depot. Für den Volksmund konnte diese Straße somit nur einen Namen haben: Pulverweg.

 

Als Quelle diente unter anderem der Band von Anton J. Knott „Straßen, Wege, Gassen und Plätze in Hildesheim“. 1984 erschienen im Gerstenberg-Verlag (vergriffen).


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