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Tag 146: Ein paar Stunden Gorbatschow

Im September 1996 ist der ehemaligen sowjetische Präsidenten Michail Gorbatschow zu Gast in Hildesheim. Ob am Museum, auf dem Weg zum Dom oder auf dem Marktplatz – überall säumten die Menschen in dichten Reihen die Straßen. Dem Wunsch nach Autogrammen und Händeschütteln konnte Gorbatschow nicht immer nachkommen. Aber er durchbrach sogar das Protokoll, um noch einmal auf dem Markt zu den Menschen zu sprechen. Schon anderthalb Stunden vor offiziellem Beginn sammeln sich die ersten Hildesheimer vor den Toren des Museums. Eine Realschulklasse aus Bad Salzdetfurth entrollt ein Herzlich-Willkommen-Transparent in kyrillischen Schriftzeichen. Im Museum schwappt die Applauswelle vom Eingang zum Rednerpult, als Gorbatschow eintritt. Der ehemalige Staatsmann wirkt angespannt. Doch als ihm russische Grüße entgegengerufen werden, hellt sich sein Blick auf.

Dann der Weg zum Dom. Margarete Straßner wartet immer noch auf „Gorbi“. Morgens hat sie nur kurz die Hand von Raissa ergreifen können. „Vielleicht klappt’s jetzt.“ Das gleiche hofft auch Petra Mitschke. Sie hat ein Gorbatschow-Buch bei sich, das ihr verstorbener Mann ihr geschenkt hat. „Hoffentlich bin ich nicht zu aufgeregt, Gorbatschow anzusprechen.“ Im Dom wartet Weihbischof Hans-Georg Koitz. Er führt den hohen Gast in das 1000jährige Gebäude, erläutert die Bernwardstür und eine alte Handschrift. Raissa zeigt Ermüdungserscheinungen. Kurzfristig wird das Programm geändert. Nicht zu Fuß, sondern mit dem Auto geht es zum Marktplatz. In der Andreaspassage, wo schon Hunderte warten, verbreitet sich die Enttäuschung blitzschnell. Viele laufen zum Marktplatz.

Der ist schon gedrängt voll. Martinhörner künden vom Eintreffen der Limousinen. „Gorbi“-Rufe empfangen den Gast, der schon längst den Zeitrahmen überschritten hat. Die Begleiter drängen auf Eile. Gorbatschow verschwindet im Rathaus zum Pressegespräch. Die Menge auf dem Markt ist enttäuscht, die Kinder des Matin-Luther-Kindergartens machen lange Gesichter.
Doch Gorbatschow kommt wenig später zurück, die HAZ wartet. Eine Viertelstunde genießt der sichtlich aufgelebte Gast das Bad in der Menge. Dann stellt er sich den Journalistenfragen. Eigentlich sollte er jetzt schon bei den Ehrengästen im Ratssaal sein. Doch auch die warten bei einem Glas Sekt.

Nach dem Empfang noch einmal Gedränge – nun auf der Rückseite des Rathauses. Fünf dunkle VW-Busse sind vorgefahren. Gorbatschow wählt einen fast schwarzen mit verdunkelten Scheiben. Die Menschen in den ersten Reihen sind verärgert. Sie haben fast keinen Blick auf „Gorbi“ erhaschen können. Doch es ist schon 16.15 Uhr – eine Dreiviertelstunde über die Zeit. Der nächste Termin in Gifhorn drängt. Zum Ausruhen bleibt nur die Fahrtzeit.

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