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Tag 217: Der kollernde Puter und der Koller

Ein Puter, ein Vater, ein Sohn, eine Gerichtsverhandlung. Ende der 90er beschäftigte diese Konstellation Anwälte und Richter, schließlich landet der Fall vor dem Landgericht Hildesheim und in der HAZ. Der Reihe nach.

Vater und Sohn sind Nachbarn. Auf dem Grundstück des Vaters haust ein Puter. Statt sich mit Scharren und Picken zu begnügen, trällert dieser aber auch gerne Mal ein Liedchen. „Kollern“ nennen es Experten, wenn die Tiere laute Schreie von sich geben. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang malträtiere das Tier die Familie mehrere Tausend Mal am Tag mit seinem Gezeter, so die Darstellung des Sohnes. Ein Anwalt setzt ein Schreiben auf.

Sein eigener Sohn, also der Enkel des Putenhalters, wolle schon gar nicht mehr zur Schule gehen, weil er sich nicht darauf vorbereiten könne. Der Sohn selbst müsse tagsüber in der Firma schlafen, weil es im eigenen Haus nicht mehr möglich sei. Der Anwalt setzt eine Frist zur Abschaffung des Puters und droht eine Klage an. Nichts passiert.

Daraufhin klagt der Sohn vor dem Amtsgericht Gifhorn gegen den Vater. Er gibt an, dass sich der Vater nur rächen wolle. Denn er habe ihm bereits einmal einen Hund wegen unsachgemäßer Haltung wegnehmen lassen. Damit hatte der Familienstreit einst seinen Lauf genommen. Der Anwalt pocht beim Gericht auf vorrangige Behandlung des Falls. Denn die Lage spitzt sich zu: Der Vater hat zwei Perlhühner und zwei Pfauen angeschafft, die die Geräuschkulisse verstärken. Die Frau des Sohnes sei mittlerweile auf Psychopharmaka angewiesen, so der Anwalt.

Am 10. Juli 1998 verkündet der Richter das Urteil: Der Vater muss den Puter entfernen und darf keine weiteren anschaffen. Begründung: Die Familie des Sohnes sei in ihren Rechten beeinträchtigt worden. Der Puter gebe Geräusche von sich, die eine Lärmbelästigung im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches darstellen. Dass der Lärm zu einer Gesundheitsschädigung der Familie des Sohnes geführt habe, sei offensichtlich.

Der Vater geht in Berufung. In einem Schreiben an das Landgericht Hildesheim fordert seine Anwältin, das Urteil des Amtsgerichts Gifhorn aufzuheben und die Klage abzuweisen. Der Sohn beantragt, die Berufung zu verwerfen.

Ein öffentlicher Verhandlungstermin wird angesetzt. Seit dem ersten Anwaltsschreiben ist rund ein Jahr vergangen. Doch plötzlich wendet sich der Fall: Alles gar nicht mehr so schlimm, lässt der Sohn wissen. Der Puter habe sich beruhigt. Die läge möglicherweise an einer psychischen Störung des Tieres. Schließlich sei er aus seiner Herde herausgerissen worden. Die anderen Tiere seien  auch entspannter. Die Sache sei erledigt, der Termin zur Berufungsverhandlung überflüssig.

Das Landgericht entscheidet daraufhin, die entstandenen Kosten auf die Parteien aufzuteilen. Fast 1800 Mark kostet der Nachbarschaftsstreit damals sowohl Vater also auch Sohn.

 


Tag 217: Der kollernde Puter und der Koller

Ein Puter, ein Vater, ein Sohn, eine Gerichtsverhandlung. Ende der 90er beschäftigte...
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