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Tag 20: Die rote Tür

Die rote, schwere Tür führt in eine andere Welt. Hier ist es düster, dreckig, der Schein der Taschenlampe tanzt über die gewölbte Decke. Kein Kellermuff, es riecht nach Geschichte – und die reicht lange zurück. Was heute als „Käsekeller“ bekannt ist, gehörte einst zu den Verteidigungsanlagen der Stadt. Der Kehrwiederwall entstand im 15. Jahrhundert, in ihm liegt die mehr als 30 Meter lange Kasematte (aus dem Griechischen über das Italienische für Wallgewölbe). In dem Gewölbe kämpften Verteidiger und versteckten sich vor dem Feind, in einem extra angelegten Anbau lagerte das Pulvermagazin, im Zweiten Weltkrieg suchten die Hildesheimer hier Schutz vor den Bomben. Als „Käsekeller“ wird das Gewölbe bekannt, während die Käsehandlung Carl Mann ihre Waren dort lagert, später wird die Kasematte zum Partykeller, in dem sagenumwobene Feste gefeiert werden. Offiziell genehmigt waren die selbstverständlich nicht und schließlich wird der Keller ganz verschlossen. Heute ist er lediglich bei einer Stadtführung zu erforschen. Hinein gelangt man nicht nur durch die rote Tür bei dem Spielplatz am Weinberg, auch in einem Privathaus am Lappenberg verbirgt sich ein Eingang in den unheimlichen Bau im Erdreich. Das Gemäuer aus Sandsteinquadern wird immer wieder von Lüftungsschächten unterbrochen, die weit nach oben in den Wall führen. Kurz hinter dem Eingang von der Weinbergseite aus, liegt linker Hand ein Durchbruch in einen kleinen Raum, viel mehr eine Art Kammer, mit sehr niedrigen Decken. Das beklemmende Gefühl jagt einen schnell wieder hinaus in den großen Gang, in dem bis zur Decke vier Meter Luft sind. Heimelig fühlt sich aber auch hier gar nichts an. Spätestens ein zerfallener Kinderwagen, der zum Tag des Denkmals einmal hineingestellt wurde, weckt Horror-Phantasien, der Blick nach vorne auf die eingerahmte Tür zum Privathaus hat etwas von Todeskammer, ein elektrischer Stuhl würde nicht überraschen. Weiter geht es ins ehemalige Pulvermagazin. Die Decken sind hier noch einen halben Meter höher, auch breiter ist der 1750 und 1751 entstandene Anbau. In der Mitte hat sich ein Häufchen kleiner Steine gesammelt, der offenbar durch einen der Lüftungsschächte hereingerieselt ist. Der Anbau birgt ein Geheimnis: Hinter der Mauer geht es noch weiter. Wohin genau und was sich dort verbirgt, weiß noch niemand. Ein Jahrhunderte altes unterirdisches Gemäuer aufzustemmen, kostet natürlich viel Geld und muss mit großer Vorsicht geschehen. So behält der „Käsekeller“ noch einige Mysterien für sich. Die Mauern schweigen so lange bis sie irgendwann jemand zum „Sprechen“ zwingt. Wann das sein wird, ist noch offen.


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