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Tag 117: Das Gemetzel vor den Toren der Stadt

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Die Schreiber notierten das Jahr 1367. Hildesheim ist von den mächtigen Welfen bedroht. Der Herzog von Braunschweig und die Bistümer von Magdeburg und Halberstadt ziehen Truppen gegen die Bischofsstadt zusammen. Das Fürstbistum ist den hohen Herren in der Nachbarschaft ein Dorn im Auge, weil von ihm Raubzüge ausgehen. Also trommeln die Braunschweiger 2000 Gewappnete zusammen, um den Bischof von Hildesheim und seine wenigen Vasallen und Lehnsleute in die Knie zu zwingen. Was folgt, ist die größte Schlacht, die je im Hildesheimer Land tobte – und die wohl bedeutendste, die es im Mittelalter in Norddeutschland gab.

Der September hat gerade begonnen, als sich die Feinde nähern. Der Hildesheimer Bischof Gerhard von Berg schart seine Gefolgsleute um sich, um zu beraten. Längst hat sich auf dem Land herumgesprochen, dass Unheil aufzieht. Zu diesem Zeitpunkt sind die Braunschweiger schon tief ins Hildesheimer Gebiet eingedrungen. Sie morden, plündern und verwüsten Dörfer. Das Leben eines Bauern ist sowieso nichts wert, also nehmen sie ihm sein Hab und Gut und töten ihn kurzerhand. Die Welfen fühlen sich stark und fordern allein schon durch ihre Präsenz den missliebigen Bischof auf seinem eigenen Territorium zum Waffengang heraus.

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Die Hildesheimer sind in einem Turm versammelt und halten Kriegsrat. Aber die erfahrenen Stiftsritter, die Bischof Gerhard unterstützen, und auch einige Domherren wissen, was zu tun ist. Manche von ihnen haben in Paris oder Avignon studiert und eine Ahnung davon, wie ein kümmerlich erscheinendes Fußvolk ein Ritterheer schlagen kann. Mitkämpfen sollen die Hildesheimer Bürger, die ohnehin verpflichtet sind, für den Bischof in den Krieg zu ziehen.

In der Nacht vor der Schlacht besteigen die Hildesheimer gut 30 Streitwagen, die sie in die Börde bringen sollen. Zum Streitacker, wo die Welfen arglos die Nacht verbringen. Unbemerkt rumpeln die Wagen aus der Bischofsstadt gen Dinklar. Dorthin, wo die angeblich übermächtigen Gegner im Feldlager schlafen. Über dem Land schwebt Nebel. Etwa 850 Reiter und 600 Fußsoldaten sind jetzt unterwegs. Eine verschwindend geringe Streitmacht gegen die bis an die Zähne bewaffneten Braunschweiger und ihre Verbündeten. Der Bischof führt die Leute an. Er muss ein charismatischer Mann sein. „Männer haltet aus, ich habe noch tausend Mann im Ärmel“, ruft er. Der Bischof hat Teile des Domschatzes dabei, es sind Symbole, die seinen Truppen Mut machen sollen. Zudem schützt die Nacht die Hildesheimer. Das Überraschungsmoment ist auf ihrer Seite.

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Da erreichen sie das Lager der Braunschweiger. Das Fußvolk muss möglichst nah an die Wagenburg der verhassten Braunschweiger heran. Die Spießträger gehen als erstes vor, an einer Stelle, die heute noch als „Streitmorgen“ in Flurkarten verzeichnet ist. Auch die Reiter des Bischofs setzen sich in Trab. Es gilt, einen Windmühlenhügel bei Farmsen zu gewinnen. Sie wollen Panik verbreiten, die Feinde in wilder Flucht vor sich hertreiben. Es gelingt. Die Welfen sind völlig überrumpelt. Sie nehmen sofort Reißaus. Wer es nicht rechtzeitig aufs Pferd schafft, wird gnadenlos abgestochen. Bauern, die ebenfalls den Bischof unterstützen, machen alles nieder. Manche der Braunschweiger sitzen halbnackt im Sattel, um aus dem Lager zu flüchten. Auch hochdekorierte Adelige geben ihren Pferden die Sporen, um ihr Leben zu retten. Die Hildesheimer greifen immer wieder an, um die Panik der Braunschweiger anzuheizen. Doch es ist nicht nur Rache oder Mordlust, die sie antreibt. Sie wollen Gefangene machen. Denn die versprechen hohe Lösegelder. Tatsächlich fallen ihnen Herzog Magnus II. von Braunschweig-Lüneburg, Albert von Rickmersdorf, Bischof von Halberstadt und auch der Domherr Graf Albrecht von Wernigerode in die Hände.

Doch dann brechen die Hildesheimer die Verfolgung ab. Sie haben keine Reserven, müssen einen Angriff von Herzog Albrecht von Grubenhagen fürchten, der ebenfalls für die Welfen kämpft. Dennoch triumphieren die Hildesheimer nach dem Gemetzel auf ganzer Linie. Und der geschickte Bischof Gerhard fädelt einen stabilen Frieden ein, ohne den Besiegten hohe Geldsummen abzupressen. Ein guter Schachzug, anderenfalls wäre das aufstrebende Hildesheim vielleicht doch eines Tages von seinen Nachbarn besiegt und einverleibt worden.

Quellen: Die „Schlacht bei Dinklar und Farmsen 1367“ von Harald Fichtel veröffentlicht in „Der Zinnbote aus Niedersachsen Ausgabe 04/04 und 02/05“, gekürzte Fassung. www.welfen.de/Magnus1.htm. Wikipedia: Schlacht von Dinklar, Gerhard von Berg, www.heimatverein-dinklar.de / Ein Diorama des Salzgitteraners Harald Fichtel zeigt Szenen, wie sich wohl zutrugen. Archivfotos: HAZ

Tag 117: Das Gemetzel vor den Toren der Stadt

Die Schreiber notierten das Jahr 1367. Hildesheim ist von den mächtigen Welfen bedroht....
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