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Tag 186: Das Schützenfest

Hildesheim in der Stunde Null: Vier Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft lassen die Alliierten die Hildesheimer Junggesellenkompanie von 1831 wieder schießen. Bei Bauche, dem heutigen „Poggenkrug“ in der Annenstraße, dürfen die Junggesellen und andere Schützen aus der Neustadt von 1949 an wieder mit dem Luftgewehr schießen. Sommer wie Winter wird in den ersten Jahren aus dem Fenster des Lokals heraus in den Garten geschossen.

1949 einigen sich Junggesellen-Kompanie und die Hildesheimer Schützengesellschaft (HSG) mit der Stadt, künftig ein Schützenfest auf dem Gelände an der Schützenwiese (heutiger Sitz der Polizeiinspektion) auszurichten. Bis einschließlich 1964 ist die Schützenwiese traditionell in der dritten Juniwoche zehn Tage lang der Hildesheimer Besuchermagnet. Zwischen Festzelten, Karussells und Imbissbuden drängen sich Schützen, Junggesellen und Hildesheimer Bürger. Zahlreiche Geschäftsleute und Innungen beteiligen sich am Festumzug. Am Gedenktag des 17. Juni verstummt die Musik in der Budenstadt, doch auch das hält die Hildesheimer nicht davon ab, sich auf dem Volksfestplatz zu vergnügen.

Mitte der 60-er Jahre will das Land Niedersachsen die Polizei an die Schützenwiese verlegen. Das jährliche Ensemble rund ums Riesenrad muss weichen, die Fahrgeschäfte drehen sich von 1965 an auf dem Gelände an der Lademühle. In den 70-er Jahren boomt das Volksfest am neuen Standort.

1974 lässt das Ordnungsamt die Hildesheimer in der nun weitläufigeren Festmeile ganz groß feiern. Und das gleich in doppelter Hinsicht: In der Volksfestwoche wird die Sperrstunde an Wochenenden bis auf 2 Uhr und in der Woche bis auf 1 Uhr hinausgeschoben. Ein besonderes Highlight wird an diesem Tag im Anzeigenteil der HAZ beworben: HAZ, fuba, Horten und Blaupunkt präsentieren die WM 1974 auf dem Schützenplatz. Im Festzelt Fichtelmann können Schützen und Bürger auf drei Farb(!)-Fernsehgeräten die Fußballweltmeisterschaft verfolgen. Ein erstes „Public Viewing“. Ein Novum: Parallel stattfindende Fußball-Partien, die offiziell nicht im Fernsehen übertragen werden, flimmern zeitversetzt über die Bildschirme im Hildesheimer Festzelt.

Zur grandiosen Kulisse, die in späteren Jahren nie wieder erreicht werden wird, gehören damals unter anderem die rasante Kult-Kreisbahn unter den Fahrgeschäften, die legendäre „Bayern-Kurve“. Weitere Attraktionen sind der sich überschlagende „Mondlift“, eine bis zwei Geisterbahn(en), ein 24-Meter-Riesenrad, ein Kettenkarussell, ein „Rotor“-Fass in dem Steilwandfahrer auf Motorrädern und Rennwagen im Kreis fahren, eine zweistöckige Go-Kart-Bahn sowie als Clou die damalige Achterbahn des Münchner Oktoberfestes.

Der Vorstand der Junggesellen geht derweil auf Grundstückssuche und wird in der Heinrichstraße fündig. Passender und sicherer für Anlieger geht es nicht, denn von drei Seiten ist das Vereinsgelände durch die neu errichtete Umgehungsstraße „eingezäunt“. Die Junggesellen stemmen nahezu alle Gewerke in Eigenleistung.

Die nächsten 15 Jahre herrscht beim jährlichen Stelldichein der Schausteller an der Lademühle noch akzeptable Resonanz, obwohl die Auswahl an Attraktionen wie Achterbahn oder Überschlagschaukeln nicht mehr so groß ist. Die Organisatoren um Platzmeister und Vorsitzende des Vereins Hildesheimer Volksfest ziehen jedoch weiter positive Bilanzen. Mehr und mehr dominieren Stadtteil-, Wein- und Marktplatzfeste den städtischen Veranstaltungskalender. Darüber hinaus sitzt bei vielen Besuchern das Geld nicht mehr so locker. Die Besucherzahlen gehen in den kommenden Jahren rapide zurück. Der Glanz des einstigen Zugpferdes Hildesheimer Veranstaltungen bröckelt. Zur Jahrtausendwende entschließen sich die Veranstalter zum erneuten Standortwechsel Visavis zum alten Schützenhaus. Dies geschieht zu Lasten beengter Stellflächen, noch weniger Karussells und eingeschränkter Öffnungszeiten eines überdimensionierten „Festzeltes“. Für ein Riesenrad bleibt nur in den Anfangsjahren Raum. Der Erfolg kehrt nicht zurück. Nach einem Jahrzehnt ist 2012 auch das Schützenfest an der Pappelallee endgültig Geschichte.


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